In meiner physiotherapeutischen Praxis erlebe ich immer wieder, wie verunsichert Frauen sind, wenn sie plötzlich ein Druckgefühl im Unterleib spüren, ein Fremdkörpergefühl in der Scheide bemerken oder sogar eine Vorwölbung sehen oder tasten können. Viele denken im ersten Moment an etwas Gefährliches. Häufig steckt dahinter aber eine Scheidensenkung, medizinisch Descensus genitalis genannt.
Das klingt zunächst beunruhigend. Tatsächlich ist eine Scheidensenkung aber viel häufiger, als viele Frauen glauben. Und die gute Nachricht ist: In vielen Fällen lässt sich mit gezielter Physiotherapie und Beckenbodentraining sehr viel verbessern.
In diesem Artikel erkläre ich Ihnen, was bei einer Scheidensenkung im Körper passiert, welche Beschwerden typisch sind und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt.
Was ist eine Scheidensenkung?
Bei einer Scheidensenkung verlieren die Haltestrukturen im kleinen Becken an Stabilität. Dazu gehören Muskeln, Bänder und Bindegewebe. Wenn dieses System nachgibt, können sich Organe wie Blase, Darm oder Gebärmutter in Richtung Scheide verschieben. Dadurch entsteht das Gefühl von Druck, Schwere oder einer Vorwölbung.
Viele Frauen beschreiben es so, als würde „etwas nach unten drücken“ oder als wäre ein Fremdkörper in der Scheide. Diese Wahrnehmung kann sehr unangenehm sein, ist aber zunächst nicht automatisch ein Notfall. Trotzdem sollte eine Scheidensenkung immer gynäkologisch oder urogynäkologisch abgeklärt werden.
Bei leichter bis mittlerer Ausprägung ist gezieltes Beckenbodentraining meist die erste empfohlene Behandlung. Internationale Leitlinien empfehlen, bevor eine Operation in Erwägung gezogen wird in der Regel ein konservatives Training über mindestens sechs Monate.
Bitte suchen Sie rasch eine Fachärztin oder einen Facharzt auf, wenn Sie Schwierigkeiten haben, die Blase vollständig zu entleeren, häufig Harnwegsinfekte haben oder ein Gefühl von Restharn bemerken.
Welche Symptome sind typisch?
Nicht jede Scheidensenkung fühlt sich gleich an. Die Beschwerden hängen davon ab, welche Struktur betroffen ist.
Bei einer Senkung der vorderen Scheidenwand ist häufig die Blase beteiligt. Man spricht dann von einer Blasensenkung oder Zystozele. Typisch sind eine spürbare Vorwölbung an der Scheidenvorderwand, häufiger Harndrang, ein dünnerer Harnstrahl oder das Gefühl, die Blase nicht vollständig entleeren zu können. Manche Frauen leiden auch häufiger an Harnwegsinfekten, weil Restharn in der Blase bleibt.
Ist die hintere Scheidenwand betroffen, kann eine sogenannte Rektozele vorliegen. Dabei kann es schwieriger werden, den Darm vollständig zu entleeren. Manche Frauen bemerken häufigere Darmentleerungen, ein Druckgefühl oder eine Vorwölbung an der Scheidenhinterwand.
Bei einer Gebärmuttersenkung steht oft ein Druckgefühl im Unterleib im Vordergrund, besonders nach längerem Stehen. Auch ein Ziehen in der Bauch- oder Leistenregion sowie Rückenschmerzen können auftreten. In fortgeschrittenen Stadien kann die Senkung sichtbar werden.
Warum entsteht eine Scheidensenkung?
Der Beckenboden ist Teil eines komplexen Haltesystems. Dieses System trägt täglich viel: beim Stehen, Gehen, Heben, Husten, Niesen oder Sport. Wird es über längere Zeit überlastet oder durch bestimmte Ereignisse geschwächt, kann eine Senkung entstehen.
Häufige Auslöser oder begünstigende Faktoren sind Schwangerschaften und vaginale Geburten, besonders bei großen Kindern oder Dammverletzungen. Auch chronischer Husten, starkes Pressen bei Verstopfung, schwere körperliche Arbeit, ungünstiges Training, hormonelle Veränderungen in den Wechseljahren, Übergewicht und erhöhter Bauchdruck können eine Rolle spielen.
Wichtig ist mir dabei: Eine Scheidensenkung betrifft nicht nur Frauen nach Geburten. Auch Frauen ohne Geburten können betroffen sein. Und je früher man reagiert, desto besser lässt sich oft verhindern, dass sich die Beschwerden verschlechtern.
Diagnose und Schweregrade
Die Diagnose stellt eine Fachärztin oder ein Facharzt für Gynäkologie beziehungsweise Urogynäkologie. Dabei wird beurteilt, wie stark die Senkung ausgeprägt ist. Dafür gibt es ein standardisiertes System, das sogenannte POP-Q-System. Es reicht von Grad 1, also einer leichten Senkung, bis Grad 4, einer vollständigen Senkung.
Der Schweregrad ist wichtig für die weitere Behandlung. Bei Grad 1 und 2 steht meist die konservative Physiotherapie im Vordergrund. Bei Grad 3 und 4 kann eine Operation notwendig werden. Aber auch dann bleibt Beckenbodentraining wichtig, um den Körper bestmöglich vorzubereiten und den Operationserfolg langfristig zu unterstützen.
Was Physiotherapie bei Scheidensenkung bewirken kann
Aus meiner Erfahrung kann gezielte Physiotherapie die Lebensqualität deutlich verbessern. Viele Frauen kommen mit dem Gefühl, ihrem Körper nicht mehr vertrauen zu können. Genau hier setzt die Behandlung an: Wir schauen uns gemeinsam an, wie belastbar der Beckenboden ist, was ihn im Alltag überfordert und wie er wieder gezielt aufgebaut werden kann.
Am Anfang steht eine genaue Befundung. Ich bestimme den individuellen Kraftgrad des Beckenbodens, unter anderem mittels vaginaler Tastuntersuchung und perinealem Ultraschall. Auf dieser Grundlage entsteht ein Trainingsprogramm, das zu Ihren Beschwerden, Ihrem Alltag und Ihrem aktuellen Befund passt.
Je nach Situation kommen gezielte Übungen, Biofeedback-Therapie oder Elektrostimulation zum Einsatz. Entscheidend ist nicht, einfach „irgendwelche Beckenbodenübungen“ zu machen. Entscheidend ist, die richtigen Muskeln richtig zu aktivieren und das Training konsequent über einen ausreichend langen Zeitraum durchzuführen. Internationale Leitlinien empfehlen ein intensives Training über mindestens sechs Monate.
Was ist ein Pessar?
Ein Pessar ist ein Silikonring oder Würfel, der in die Scheide eingesetzt wird und die abgesunkenen Strukturen mechanisch stützt. Für manche Frauen kann das eine große Erleichterung sein, weil Beschwerden wie Druckgefühl oder Inkontinenz deutlich nachlassen.
Ein Pessar muss immer individuell von einer Ärztin oder einem Arzt angepasst werden. Bitte kaufen Sie kein Pessar auf eigene Faust. Sitzt es schlecht, kann es Druckstellen oder Verletzungen verursachen.
Pessar und Beckenbodentraining können sich sehr sinnvoll ergänzen. Das eine ersetzt aber nicht automatisch das andere.
Beckenbodentraining von zuhause
Viele Frauen möchten erst einmal in Ruhe starten, ohne sofort in eine Praxis zu gehen. Wenn keine schwere Senkung vorliegt, kann ein strukturierter Online-Kurs ein guter erster Schritt sein.
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Bei einer bestehenden Senkung empfehle ich zusätzlich eine Einzeltherapie in meiner Praxis in Wien 1080 (oder bei einer anderen spezialisierten Physiotherapeutin). So kann ich den Befund individuell einschätzen und das Training genau anpassen.
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Häufige Fragen zur Scheidensenkung
Kann sich eine Scheidensenkung von selbst zurückbilden?
Eine vollständige spontane Rückbildung ist selten. Jedoch zeigen Studien, dass man eine Senkung jedenfalls um einen Grad zurück trainieren kann. Durch gezieltes Beckenbodentraining können Beschwerden aber in jedem Fall deutlich gelindert und eine Verschlechterung oft verhindert werden. Deshalb ist frühes Training so wichtig.
Ist Scheidensenkung häufig?
Ja. Schätzungsweise jede zweite Frau, die vaginal entbunden hat, entwickelt im Laufe ihres Lebens eine gewisse Form von Senkungsbeschwerden. Viele wissen es lange nicht, weil die Beschwerden zunächst mild bleiben.
Welche Übungen helfen bei Scheidensenkung?
Die wichtigste konservative Maßnahme ist gezieltes Beckenbodentraining unter physiotherapeutischer Anleitung. Dabei geht es nicht nur um Kraft, sondern auch um Wahrnehmung, richtige Aktivierung, Entlastung im Alltag und passende Belastungssteuerung.
Muss eine Scheidensenkung operiert werden?
Nicht zwingend. Bei leichter bis mittelschwerer Senkung ist Physiotherapie meist die erste empfohlene Maßnahme. Eine Operation wird meist erst dann erwogen, wenn konservative Behandlung über sechs Monate keine ausreichende Verbesserung bringt und der Leidensdruck sehr hoch ist.
Kann ich mit Scheidensenkung Sport treiben?
Ja, aber nicht jede Sportart ist gleich gut geeignet. Sehr intensive Belastungen, schweres Gewichtheben oder Springen können eine Senkung verschlechtern. Schwimmen, Spaziergänge und gezieltes Beckenbodentraining sind oft gut geeignet. Welche Belastung passt, hängt aber immer von der individuellen Situation ab.
Ab wann nach der Geburt kann ich mit Beckenbodentraining beginnen?
Das hängt stark vom Geburtsverlauf ab. Sanfte Wahrnehmungsübungen sind oft schon in den ersten Tagen nach der Geburt möglich. Ein strukturiertes Beckenbodentraining empfiehlt sich ab der sechsten Woche, nachdem der Gynäkologe Dammnaht und Gebärmutter kontrolliert hat.
Zusammenfassung
Eine Scheidensenkung kann sich durch Druckgefühl, Fremdkörpergefühl, Vorwölbung oder vermehrten Harndrang bemerkbar machen.
Auch wenn diese Beschwerden verunsichern: Sie sind nicht selten und in vielen Fällen gut behandelbar.
Wichtig ist eine fachärztliche Abklärung. Bei leichter bis mittelschwerer Senkung ist gezieltes Beckenbodentraining meist die wichtigste konservative Behandlung. Physiotherapeutische Begleitung hilft dabei, richtig zu trainieren, Überlastungen zu vermeiden und den Beckenboden Schritt für Schritt wieder zu stärken.
Wenn Sie Fragen haben oder mit dem Training starten möchten, begleite ich Sie gerne in meiner Praxis in Wien 1080 oder im Online-Kurs.