Warum Pressen schlecht für den Beckenboden ist

Viele Menschen pressen beim Stuhlgang, ohne darüber nachzudenken. Was harmlos wirkt, kann dem Beckenboden – und damit dem gesamten Kontinenzsystem – langfristig erheblich schaden. Als spezialisierte Physiotherapeutin für Beckenboden erkläre ich, was dabei anatomisch passiert, welchen Teufelskreis Pressen auslösen kann – und was stattdessen hilft.

Überarbeitet 2025 · daslebeninbewegung.at · Original: August 2017, Autorin: Dr. Rita Hochwimmer, Physiotherapeutin, Wien 1080
Warum ist Pressen beim Stuhlgang schädlich?
Beim Pressen wird der Beckenboden stark nach unten gedrückt und gedehnt. Der Nerv, der den Beckenboden versorgt – der Nervus pudendus – wird dabei überdehnt. Nerven reagieren empfindlich auf Dehnung: Mit der Zeit führt diese Überlastung zu Nervenschäden, verminderter Sensibilität und Kraftverlust im Beckenboden.
Kann Pressen Inkontinenz verursachen?
Ja. Chronisches Pressen ist eine der häufig unterschätzten Ursachen für Beckenbodenschwäche und Inkontinenz. Der durch Pressen geschädigte Nerv funktioniert nicht mehr richtig – das verschlechtert die Beckenbodenkontrolle und führt zu einem Kreislauf, der sich selbst verstärkt.
Was hilft statt Pressen?
Richtige Sitzposition auf der Toilette, ausreichend Flüssigkeit und Ballaststoffe, entspannte Beckenbodenmuskulatur beim Stuhlgang und – wenn nötig – Beckenbodentraining. Die Details erkläre ich weiter unten.
Was der Beckenboden beim Stuhlgang wirklich macht
Der Beckenboden ist kein passiver Boden – er ist ein aktiver Muskel mit präzisen Aufgaben bei der Darm- und Blasenentleerung. Wenn diese Aufgaben gestört werden, entsteht ein Problem.
Phase 1: Haltefunktion
Im Alltag hält der Beckenboden die Organe des kleinen Beckens (Blase, Gebärmutter, Darm) gegen die Schwerkraft an ihrem Platz.  Und mit der funktionell ihm zugerechneten Schließmuskulatur verschließt er Blase und Darm aktiv.
Phase 2: Nachgeben für die Entleerung
Während der Darmentleerung muss der Beckenboden in einer ersten Phase nachgeben – er begradigt den Enddarm, um den Weg für den austretenden Stuhl freizumachen. Das erfordert aktive Entspannung.
Phase 3: Schließen nach der Entleerung
Nach der Entleerung hebt sich der Beckenboden wieder an und spannt an – er unterstützt den Schließmuskel beim Zuschnüren. Diese Phase ist wichtig, damit kein Rest austritt.
Pressen stört dieses System massiv: Es erhöht den Druck im Bauchraum, drückt den Beckenboden nach unten, überdehnt ihn – und schädigt den Nerv, der für all diese Phasen zuständig ist.
Der Teufelskreis des Pressens
Warum pressen so viele Menschen? Weil es kurzfristig zu funktionieren scheint. Langfristig führt es aber in einen Kreislauf, der immer schwerer zu durchbrechen ist:
Der Teufelskreis:
1.  Pressen → Nervus pudendus wird überdehnt
2.  Nervenschäden → Beckenboden ist schlecht ansteuerbar, man spürt weniger und verliert Kraft
3.  Schlechtere Sensorik → peristaltischer Reflex des Darms wird gehemmt
4.  Innerer Schließmuskel entspannt sich nicht mehr richtig
5.  Stuhl kommt schwerer → noch mehr Pressen nötig
6.  Weitere Nervenschäden → Beckenbodenschwäche nimmt zu
↳  Inkontinenz, Organsenkung, Verstopfung als Langzeitfolgen
Was Sie statt Pressen tun können
  1. Hockposition simulieren: der Hocker-Trick
Die natürliche Position für die Darmentleerung ist die Hocke – dabei streckt sich der Darm gerade und die Entleerung gelingt leichter. Auf der westlichen Toilette kann ein Hocker unter die Füße gestellt werden (ca. 20–25 cm hoch), um diese Position zu simulieren. Viele PatientInnen berichten von sofortiger Verbesserung.
  1. Ausreichend Flüssigkeit und Ballaststoffe
Weicher, gut geformter Stuhl braucht keinen Druck. 1,5 bis 2 Liter täglich und ausreichend Ballaststoffe (Gemüse, Vollkorn, Hülsenfrüchte) sind die einfachste Vorbeugung gegen Verstopfung und Pressen.
  1. Nicht zu lange sitzen
Längeres Sitzen auf der Toilette – mit Handy oder Buch – erhöht den Druck auf den Beckenboden. Wenn es nicht gleich klappt: aufstehen, kurz bewegen, später wiederkommen.
  1. Beckenbodenentspannung lernen
Der Beckenboden muss aktiv entspannen können – das ist keine Selbstverständlichkeit. Viele Frauen können ihn gut anspannen, aber schlecht entspannen. Gezielte Entspannungsübungen sind Teil des physiotherapeutischen Trainings.
  1. Darmmuskulatur stärken
Die Darmperistaltik (die wellenförmige Bewegung des Darms) kann durch Bewegung, ausreichend Trinken und bestimmte Übungen unterstützt werden. Beckenbodentraining ist dabei ein wichtiger Baustein.
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Häufige Fragen zum Thema Pressen und Beckenboden
Ist gelegentliches Pressen beim Stuhlgang gefährlich?
Gelegentlich und kurzfristig ist Pressen kein Problem. Chronisches, starkes Pressen bei jedem Stuhlgang über Jahre hinweg kann den Nervus pudendus jedoch schädigen und die Beckenbodenfunktion langfristig verschlechtern.
Welche Höhe sollte der Toilettenhocker haben?
Empfohlen wird eine Höhe von 20 bis 25 cm, sodass die Oberschenkel einen Winkel von etwa 35 Grad zur Horizontalen bilden. Das simuliert die natürliche Hockposition und begradigt den Enddarm.
Kann Pressen eine Organsenkung verursachen?
Ja. Chronisches Pressen ist ein bekannter Risikofaktor für Organsenkungen (Genitalprolaps), da der Beckenboden dauerhaft nach unten gedrückt wird und die Haltestrukturen überlastet werden.
Kann Beckenbodentraining Verstopfung verbessern?

Ja – indirekt. Beckenbodentraining verbessert die Koordination der Entleerungsmuskulatur und das Zusammenspiel von Beckenboden und Schließmuskeln. Zusätzlich sind Trinkverhalten, Ernährung und Bewegung wichtig.

 

Darf ich bei schwachem Beckenboden genauso vorgehen?

Nein. Bei schwachem Beckenboden sollte zuerst die Kraft aufgebaut werden, bevor Entspannungsübungen intensiviert werden. Eine physiotherapeutische Befundung klärt, was benötigt wird.

 

Das Wichtigste auf einen Blick
  • Chronisches Pressen überdehnt den Nervus pudendus und schädigt die Beckenbodenfunktion.
  • Der Teufelskreis: Mehr Pressen → schlechtere Nervenfunktion → noch mehr Pressen.
  • Langzeitfolgen können Inkontinenz, Organsenkung und Verstopfung sein.
  • Hocker unter die Füße, ausreichend trinken und Ballaststoffe sind die einfachsten Gegenmittel.
  • Beckenbodentraining verbessert Kraft UND Entspannungsfähigkeit – beides ist notwendig.

 

Fragen zur Beckenbodenfunktion? Ich helfe gerne – Wien (1080) oder im Online-Kurs.