So erreichen Sie mich:

 

Dr. Rita Hochwimmer 

Praxis am Tigerpark

Lerchengasse 21/7

1080 Wien

 

Tel: 0699/818 22 386 

Teil 2: Stuhlinkontinenz nach Geburt. Experteninterview mit dem Proktologen Prof. Max Wunderlich.

Prof. Wunderlich erklärt den möglichen Verlauf von Stuhlinkontinenz nach Geburt und wohin sich Betroffene wenden können.

RH: Kann eine Stuhlinkontinenz nach Geburt von alleine wieder gut werden?

Prof. Wunderlich: Wenn Mütter nach einer Geburt in die chirurgische

Ordination kommen, weil sie Darminhalt nicht zurückhalten können, so hat dies verschiedene Ausmaße. Dass sie festen Stuhl verlieren, ist extrem selten, aber weicher Stuhl, Durchfall und Winde sind naturgemäß weniger leicht zu halten. In den ersten Wochen nach der Geburt habe ich schon beobachtet, dass sich das von selbst wieder gibt. Daher besteht zunächst kein chirurgischer Handlungsbedarf. Vielmehr ist das nun die Domäne Ihres Fachgebietes: Beckenbodentraining! Beckenbodentraining kann man sofort beginnen, wenn der Muskel nicht genäht worden ist. Wenn der Muskel genäht worden ist nach einem Dammriss, dann darf man zuerst nicht bewusst, häufig und fest kontrahieren. Weil da schneiden die Nähte durch. Erst wenn das verheilt ist darf man mit einem systematischen und energischen Beckenbodentraining beginnen, d.h. nach frühestens sechs Wochen.

RH: Ist immer nur der äußere Schließmuskel betroffen?

Prof. Wunderlich: Beim Dammriss dritten Grades reißt der äußere, aber auch der Innere. Beim vierten Grad reißt auch das Septum rektovaginale. Das ist sozusagen der unterste Teil der Wand des Anorektums des Kontinenzorgans.

RH: Und trotzdem ist die Prognose gleich?

Prof. Wunderlich: Wenn ein Dammriss 4. Grades gut versorgt ist, kann in den meisten Fällen eine zufriedenstellende Kontinenz resultieren.

RH: Tritt die Stuhlinkontinenz nach Verletzungen des Schließmuskels immer unmittelbar danach auf?

Prof. Wunderlich: Das ist eine wunderbare Frage. Nein! Die meisten,

d.h. etwa 90%der Patientinnen, die eine chirurgische Ordination wegen

Stuhlinkontinenz aufsuchen, sind älter und bieten eine klassische

Krankengeschichte, illustriert an folgendem Beispiel: Die junge Frau, oft

sportlich, durchtrainiert, bekommt je ein Kind mit 22, 24 und 26 Jahren. Nach jeder Geburt ist sie kontinent. Dr. Sultan, ein Londoner Gynäkologe, hat mit dem analen Ultraschall vor bald 30 Jahren nachgewiesen, dass es bei Geburten, bei denen der Damm scheinbar unversehrt ist, es doch subkutan im Perinealbereich zu Einrissen der Muskulatur gekommen ist. Die junge Mutter kompensiert das. Wenn

sie aber dann 55, 60, 65 wird und nicht ständig den Beckenboden trainiert hat, dann kommt die physiologische Alterung der Muskulatur zum Tragen: Der noch verbliebene Schließmuskel wird schwach, und in Kombination mit dem Defekt wird die ältere Frau dann inkontinent für Stuhl. Und das ist die Crux. Weil das wird nicht mehr mit der Geburt assoziiert. Jetzt glaubt die Frau, sie ist in ein kindliches Verhalten zurückgefallen, sie gibt sich selbst die Schuld an der Peinlichkeit. Sie denkt natürlich nicht daran, dass die Inkontinenz mit der Geburt zusammenhängen kann. Daher kommt das Tabuisieren, die Verheimlichung. Man redet nicht darüber, und es braucht oft Jahre bis Jahrzehnte bis man sich an einen Arzt wendet, dessen Information das Leiden enttabuisiert und ihm somit die psychologische Last des Makels nimmt. Etwa 50% der Patientinnen, die einer Schließmuskel-rekonstruktion unterzogen werden, falls die konservative Therapie keinen Erfolg hat, sind jenseits des 60ten Lebensjahres.

RH: Wohin können sich Frauen, die eine Stuhlinkontinenz haben, wenden?

Prof. Wunderlich: An den Gynäkologen. Der ist für die gesamte Region zuständig und erkennt einen größeren Sphinkterdefekt im Dammbereich. Wenn er die Rekonstruktion nicht selbst durchführt, kann er die Frau dann zum spezialisierten Chirurgen schicken.

Patientinnen suchen auch nicht selten Fachärztinnen oder Fachärzte für Chirurgie auf, weil auch diese als primäre Ansprechpartner bekannt sind. Wenn man nicht gleich zum Arzt gehen möchte, kann man sich an Beratungsstellen wenden wie jene von der MKÖ (Medizinische Kontinenzgesellschaft Österreich www.kontinenzgesellschaft.at) oder an die Beratungsstellen des FSW (Fonds Soziales Wien). Es gibt in Graz zum Beispiel die Beratungsstelle der Gebietskrankenkasse. Die an all diesen Stellen tätigen Spezialistinnen, haben den Titel KSB (Kontinenz- und Stomaberaterinnen).

GLOSSAR

 

Anamnese: Befragung des Patienten zur Krankengeschichte

 

Anorektum: Mastdarm und Analkanal

 

Beckenbodenneuropathie:

Schädigung der Nerven, welche den Beckenboden versorgen

 

Deszensus perinei: Senkung der Dammregion

 

Endoanale Sonographie: Ultraschalluntersuchung des Afters

 

Innervationsstörung: Störung der Nervenfunktion

 

KSB: Kontinenz- und Stomaberaterin

 

Nervus Pudendus: Nerv, welcher für die Steuerung der Beckenbodenmuskulatur zuständig ist.

 

 

Perinealbereich: Dammbereich

 

 

Proktologe: Facharzt, meist Chirurg, der auf das Anorektum spezialisiert ist

 

Rektumwand: Wand des Mastdarms

 

Sphinkterapparat: Schließmuskelapparat

 

Sphinkterrekonstruktion: operative Wiederherstellung des Schließmuskels

 

Septum rektovaginale: dünne bindegewebige Trennwand zwischen der Scheide und dem Mastdarm

 

Sphinkter: Schließmuskel Subkutan: unter der Haut


Prof. Max Wunderlich begann seine medizinische Laufbahn mit einer mehrjährigen Ausbildung im Geburtshilfe und Frauenheilkunde, bevor er sich für das Fach Allgemeinchirurgie entschied. Einer der wesentlichen Schwerpunkte seiner Arbeit an der Ersten Chirurgischen Universitätsklinik in Wien war die Chirurgie des Dickdarms. Besonders vertraut wurde er mit dem Kontinenzorgan Anorektum und der Funktion der Schließmuskulatur während eines einjährigen Forschungsaufenthalts am diesbezüglich weltweit führenden St. Mark's Hospital in London. Die Verbindung der Kenntnisse aus der Frauenheilkunde und der Spezialisierung auf den Beckenboden aus chirurgischer Sicht ermöglichte ihm eine bis heute anhaltende Tätigkeit in der Diagnostik und Behandlung der Erkrankungen des Enddarms, vor allem der Inkontinenz. Im Laufe von mehr als 20 Jahren hat Prof. Wunderlich in den von ihm geleiteten Abteilungen den Schwerpunkt der Proktologie und Enddarmchirurgie etabliert. Als einer der zuständigen Ärzte für Funktionsstörungen des Beckenbodens im Vorstand der Medizinischen Kontinenzgesellschaft Österreich (MKÖ) arbeitet er eng zusammen mit den analog spezialisierten Vertreterinnen und Vertretern der Physiotherapie und des Pflegedienstes.