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Dr. Rita Hochwimmer 

Praxis am Tigerpark

Lerchengasse 21/7

1080 Wien

Tel: 0699 818 22 386

 

Ich bitte um Verständnis, dass ich in meiner Karenzzeit telefonisch nur für Personen, die bereits meine Patientinnen sind/waren und nur in sehr dringenden Fällen zur Verfügung stehen kann. Bitte wenden Sie sich in allen anderen Fällen an die angegebenen Vertretungen!

 

Teil 3: Stuhlinkontinenz nach Geburt. Experteninterview mit dem Proktologen Prof. Max Wunderlich.

Prof. Wunderlich beschreibt die Untersuchung bei Stuhlinkontinenz

RH: Wenn man dann zum Arzt kommt: Wie untersucht dieser im Fall einer Stuhlinkontinenz nach Geburt?

Befragung

Prof. Wunderlich: Der Untersuchungsgang ist ganz klar strukturiert. Man muss berücksichtigen, dass es sich, weil tabuisiert und peinlich, zunächst um zwei Probleme handelt:

 

A)betroffen ist die Intimsphäre, die man ja nicht gerne entblößt und über die man ungern spricht.

 

B)der Verlust von Darminhalt ist ein peinliches gesundheitliches Problem just in dieser Intimsphäre.

 

Das heißt, die Befragung muss ausgesprochen behutsam geschehen, die Mitteilungen und Antworten sind eingangs scheu und zurückhaltend. Wenn man sie fragt:„Warum kommen Sie?“„Naja, ich hab’ so oft Durchfall“. Es gibt gute Schlüsselfragen:„Wann gehen Sie außer Haus,

wann einkaufen?“Oft bekommt man dann zur Antwort: „Naja, erst so gegen 11-12 Uhr, wenn ich den Darm oft genug entleert habe.“ Weil in den eigenen vier Wänden erreicht man die Toilette viel rascher als unterwegs. „Tragen Sie Einlagen?“ „Ja, sicherheitshalber damit nichts passiert.“ Wenn man den Leuten dann aber auf den Kopf zu sagt, na da muss doch schon mal was passiert sein. „Ja, ja, einmal hatte ich schon einen Unfall.“ (Und „einmal“ ist dann meist untertrieben.) Dann sind die Schleusen geöffnet, dass sie sich endlich überwunden haben, das jemandem mitzuteilen.

Schweregrad

Nach der Erhebung der Anamnesebestimmt man den Schweregrad der Stuhlinkontinenz mit einem Score. Der Wexner Score (= Cleveland Clinic Score = CCS) ist der gebräuchlichste. Mit einem Punktesystem wird der Schweregradder Inkontinenz ermittelt. Dann kommen noch

Zusatzfragen hinzu: Ob die Frau harninkontinent ist, ob es Wirbelsäulenprobleme gibt, die ja auch eine Ursache sein können. Diabetes mit einer Schädigung des Nervus Pudendus kann auch zu einer

Beckenbodenneuropathie führen.

 

Also eine ausführliche Anamnese ist immer gut und hat den Vorteil dass die Patientin während des Gesprächs Vertrauen gewinnt, weil sie merkt, sie kann sich mit jemandem über das Problem unterhalten die oder der Experte ist. Die angesprochene Expertise lernt man natürlich nicht von heute auf morgen. Es bedarf einer geduldigen Schulung, bis man die richtigen Fragen stellt, den geeigneten Rat gibt. Hin und wieder werden Antworten von Ärzten kolportiert, wie: „Damit müssen Sie leben“ oder „Mit 60 ist das normal“. Um diese Frustrationen für Patientinnen zu vermeiden, ist es am besten, wenn man sie an entsprechend erfahrene Kolleginnen und Kolleginnen oder KSB oder Physiotherapeutinnen verweist, die auf den Beckenboden spezialisiert sind. Pflegedienst und Physiotherapie kennen durch langjährige Zusammenarbeit und das

Netzwerk der MKÖ zum Beispiel in jedem Bundesland Abteilungen, Ambulanzen und Ärztinnen wie auch Ärzte, welche die angemessene Erfahrung mit Kontinenzproblemen haben.

Untersuchung

Auf die Anamnese folgt die klinische Untersuchung. Wie die Gynäkologen untersuchen viele Proktologen auch auf einem

gynäkologischen Untersuchungsstuhl. Viele von uns, und dazu gehöre auch ich, ziehen die Linksseitenlage vor, weil die Betroffenen da wiewohl entblößt doch nicht so exhibiert sind. Aus psychologischen Gründen vermeide ich es, zu Untersuchungsbeginn gleich auf die Intimsphäre zuzugehen. Am besten ist es, wenn man zunächst an der nicht entblößten Patientin den Bauch und die Leistenlymphknotenabtastet. Dabei merken die Patientinnen nämlich auch, dass man zarte Hände hat und sie sehen der weiteren Untersuchung entspannter entgegen. Es folgt die Untersuchung

der Analregion in Linksseitenlage mit angezogenen Beinen:

 

Die Anoperinealregion wird inspiziert – In Ruhe, beim Pressen, beim aufgeforderten Zusammenzwicken und beim Husten. Beim Pressen sieht man, ob ein Mastdarmvorfall mit der Inkontinenzassoziiert ist.

Und um den Deszensus zu beurteilen lässt man ebenfalls pressen. Weil ein schwacher Beckenboden oft mit einem starken Deszensus perinei einhergeht. Man schaut natürlich auch nach vorgefallenen Hämorrhoiden, Fistelöffnungen und Narben. Der Erfahrene kann auch sehen, dass der Sphinkter kontrahiert, wenn intakt, dann zirkulär. Ist er aber defekt, dann fehlt die Kontraktion in der Region des Dammes, der bei gerissenem Sphinkter naturgemäß schmal, oft nur 1cm hoch ist.

 

Nach der Inspektion tastet der Untersucher mit dem Zeigefingerim Analkanal: Zuerst in Ruhe, dann während willkürlicher Kontraktion, schließlich beim Husten, denn da kommt es reflektorisch zu einer deutlich spürbaren Kontraktion des Beckenbodens. Vor allem ist das wichtig bei den gar nicht so wenigen Frauen, die nicht wissen, wie man willkürlich kontrahiert– ein Verständnisproblem. Dennoch sind diese Frauen nicht inkontinent, denn reflektorisch, d.h. unbewusst, machen sie es ja richtig, wenn sie Stuhldrang haben.

 

Und dann sollte man noch, je nach Alter, eine Untersuchung des Mastdarms anschließen mit eine Rektoskopie zum Beispiel oder eine Koloskopie bei allen Menschen, die über 50 sind um das Dickdarmkarzinom auszuschließen, weil das der häufigste Krebs in der westlichen Welt ist.

 

Hinzu kommen fallweise noch apparative Untersuchungen. An erster Stelledie endoanale Sonographie (Ultraschalluntersuchung durch den Analkanal), die den Defektobjektiv zeigt. Die Sphinktermanometrie (Druckmessung im Analkanal) ist häufig von akademischem Interesse und nie so aussagekräftig wie das klinische Bild und der Wexner Score.

RH: Tut so eine Untersuchung weh?

Prof. Wunderlich: Überhaupt nicht, insbesondere wenn man sie behutsam macht. Die gesamte proktologische Untersuchung ist in den

richtigen Händen schmerzlos.

RH: Kann man auch einen Schließmuskeldefekt haben, ohne dass es jemals zu einer Inkontinenz kommt?

Prof. Wunderlich. Ja. Wahrscheinlich ist das sehr häufig.

RH: Gibt es eine Korrelation zwischen dem Grad der Inkontinenz und dem Grad der Verletzung?

Prof. Wunderlich: Nein. Also der Schließmuskeldefekt kann sein 30°, 60°, 90°, 120°. Natürlich ist es anzunehmen, dass man bei einem sehr

großen Defekt eher inkontinent ist, aber ich kenne keine numerische Korrelation.

GLOSSAR

 

Anamnese: Befragung des Patienten zur Krankengeschichte

 

Anorektum: Mastdarm und Analkanal

 

Beckenbodenneuropathie:

Schädigung der Nerven, welche den Beckenboden versorgen

 

Deszensus perinei: Senkung der Dammregion

 

Endoanale Sonographie: Ultraschalluntersuchung des Afters

 

Innervationsstörung: Störung der Nervenfunktion

 

 KSB: Kontinenz- und Stomaberaterin

 

Nervus Pudendus: Nerv, welcher für die Steuerung der Beckenbodenmuskulatur zuständig ist.

 

 

Perinealbereich: Dammbereich

 

 

Proktologe: Facharzt, meist Chirurg, der auf das Anorektum spezialisiert ist

 

Rektumwand: Wand des Mastdarms

 

Sphinkterapparat: Schließmuskelapparat

 

Sphinkterrekonstruktion: operative Wiederherstellung des Schließmuskels

 

Septum rektovaginale: dünne bindegewebige Trennwand zwischen der Scheide und dem Mastdarm

 

Sphinkter: Schließmuskel

 

Subkutan: unter der Haut

 


Prof. Max Wunderlich begann seine medizinische Laufbahn mit einer mehrjährigen Ausbildung im Geburtshilfe und Frauenheilkunde, bevor er sich für das Fach Allgemeinchirurgie entschied. Einer der wesentlichen Schwerpunkte seiner Arbeit an der Ersten Chirurgischen Universitätsklinik in Wien war die Chirurgie des Dickdarms. Besonders vertraut wurde er mit dem Kontinenzorgan Anorektum und der Funktion der Schließmuskulatur während eines einjährigen Forschungsaufenthalts am diesbezüglich weltweit führenden St. Mark's Hospital in London. Die Verbindung der Kenntnisse aus der Frauenheilkunde und der Spezialisierung auf den Beckenboden aus chirurgischer Sicht ermöglichte ihm eine bis heute anhaltende Tätigkeit in der Diagnostik und Behandlung der Erkrankungen des Enddarms, vor allem der Inkontinenz. Im Laufe von mehr als 20 Jahren hat Prof. Wunderlich in den von ihm geleiteten Abteilungen den Schwerpunkt der Proktologie und Enddarmchirurgie etabliert. Als einer der zuständigen Ärzte für Funktionsstörungen des Beckenbodens im Vorstand der Medizinischen Kontinenzgesellschaft Österreich (MKÖ) arbeitet er eng zusammen mit den analog spezialisierten Vertreterinnen und Vertretern der Physiotherapie und des Pflegedienstes.