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Praxis am Tigerpark

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Teil 1: Stuhlinkontinenz nach Geburt. Experteninterview mit dem Proktologen Prof. Max Wunderlich.

Prof. Wunderlich spricht über die Häufigkeit von Stuhlinkontinenz nach Geburt und mögliche Gründe.

RH: Manche Frauen verlieren nach der Entbindung ihres Kindes Stuhl. Wie häufig kommt das vor? Gibt es Zahlen?

Prof. Wunderlich: Nein es gibt da keine Zahlen, weil bei allen diesen

Inkontinenzerscheinungen die Dunkelziffer eine große Rolle spielt. Das ist eine Frage, die müsste man Hebammen stellen. Die könnten das noch am ehesten wissen. Aber ich würde schätzen, dass es maximal bei jeder hundertsten Geburt vorkommt, aber das ist eine reine Schätzung.

RH: Was kann Stuhlverlust nach Entbindung für Gründe haben?

Prof. Wunderlich: Ein Grund kann die Schädigung des Sphinkterap-parates (Schließmuskelapparat) sein. Und zwar eine muskuläre Schädigung durch Einreißen, Durchreißen, wie das bei Dammrissen zweiten bis vierten Grades vorkommt. Ein weiterer Grund kann eine Innervationsstörung der gesamten Beckenbodenmuskulatur durch die Überdehnung des Nervus Pudendus bei der natürlichen Geburt sein. Es ist nachgewiesen, dass es bei Überdehnung von Nerven zu einem Untergang von einzelnen Nervenfasern kommt. Das ist der Fall beim Tiefertreten des Beckenbodens während der Geburt. Der Nervus Pudendus ist im Alcock-Kanal festgehalten, da kommt er mit einem leichten Winkel heraus und wenn er dann zu sehr gedehnt wird, dann kann es genau dort zu einer Schädigung der Nervenfasern kommen. Dies nennt man Denervation. Die Schädigung kann reversibel oder irreversibel sein. Ist der Nervenschaden irreversibel, dann übernehmen die benachbarten gesunden Nervenfasern die Innervation der denervierten Muskelbündel.

RH: Heißt das, man würde bei einer Frau, die Stuhl verliert einfach mal zuwarten und denken es ist vielleicht ein nur vorübergehend geschädigter Nervus Pudendus und warten ob es sich von alleine gibt?

Prof. Wunderlich: Ja. Fast gleichgültig, was für eine Form und Schwere der Inkontinenz vorliegt oder was die Ursache ist, gilt zunächst in der Regel das Prinzip des Zuwartens. Mit Ausnahme des Dammrisses IIIc wo der ganze Schließmuskel des Afters durchgerissen ist oder des Dammrisses IV, bei dem das Gewebe des Damms bis in die Rektum-wand durchgerissen ist, was naturgemäß nach der operativen Rekonstruktion der betroffenen Strukturen (d.h.: Wand von Scheide und Mastdarm, innerer und äußerer Schließmuskel) unmittelbar nach der Geburt verlangt. Besteht nach dieser Rekonstruktion weiterhin eine beträchtliche Stuhlinkontinenz, meist weil die Naht nicht gut geheilt ist, dann kann es angezeigt sein, neuerlich zu operieren. Während die Naht eines Dammrisses unmittelbar nach der Geburt ein Akuteingriff ist, sind alle späteren Operationen zur Wiederherstellung von Anatomie und Funktion sorgfältig zu planen (das nennt man „Elektivoperation“

oder „Wahleingriff“) – dies aus zwei Gründen:

 

1.) In dem frisch operierten, stets geschwollenen Gewebe halten neue Nähte nicht. Dies bedeutet, dass die vollständige Vernarbung abgewartet werden muss, welche drei bis sechs Monate dauern kann, bis das Gewebe die nötige Festigkeit für weitere Chirurgie hat.

 

2.) Es ist, selbst bei gestörter Wundheilung, nicht auszuschließen, dass eine getrübte Kontinenz nicht durch konservative Maßnahmen wiederhergestellt werden kann. In solchen Fällen kann der Zweiteingriff unterbleiben.

GLOSSAR

 

Anamnese: Befragung des Patienten zur Krankengeschichte

 

Anorektum: Mastdarm und Analkanal

 

Beckenbodenneuropathie:

Schädigung der Nerven, welche den Beckenboden versorgen

 

Deszensus perinei: Senkung der Dammregion

 

Endoanale Sonographie: Ultraschalluntersuchung des Afters

 

Innervationsstörung: Störung der Nervenfunktion

 

KSB: Kontinenz- und Stomaberaterin

 

Nervus Pudendus: Nerv, welcher für die Steuerung der Beckenbodenmuskulatur zuständig ist.

 

 

Perinealbereich: Dammbereich

 

 

Proktologe: Facharzt, meist Chirurg, der auf das Anorektum spezialisiert ist

 

Rektumwand: Wand des Mastdarms

 

Sphinkterapparat: Schließmuskelapparat

 

Sphinkterrekonstruktion: operative Wiederherstellung des Schließmuskels

 

Septum rektovaginale: dünne bindegewebige Trennwand zwischen der Scheide und dem Mastdarm

 

Sphinkter: Schließmuskel Subkutan: unter der Haut


Prof. Max Wunderlich begann seine medizinische Laufbahn mit einer mehrjährigen Ausbildung im Geburtshilfe und Frauenheilkunde, bevor er sich für das Fach Allgemeinchirurgie entschied. Einer der wesentlichen Schwerpunkte seiner Arbeit an der Ersten Chirurgischen Universitätsklinik in Wien war die Chirurgie des Dickdarms. Besonders vertraut wurde er mit dem Kontinenzorgan Anorektum und der Funktion der Schließmuskulatur während eines einjährigen Forschungsaufenthalts am diesbezüglich weltweit führenden St. Mark's Hospital in London. Die Verbindung der Kenntnisse aus der Frauenheilkunde und der Spezialisierung auf den Beckenboden aus chirurgischer Sicht ermöglichte ihm eine bis heute anhaltende Tätigkeit in der Diagnostik und Behandlung der Erkrankungen des Enddarms, vor allem der Inkontinenz. Im Laufe von mehr als 20 Jahren hat Prof. Wunderlich in den von ihm geleiteten Abteilungen den Schwerpunkt der Proktologie und Enddarmchirurgie etabliert. Als einer der zuständigen Ärzte für Funktionsstörungen des Beckenbodens im Vorstand der Medizinischen Kontinenzgesellschaft Österreich (MKÖ) arbeitet er eng zusammen mit den analog spezialisierten Vertreterinnen und Vertretern der Physiotherapie und des Pflegedienstes.